Mandanten

Abenteuer Moabit

Der Saal für den Hauptverhandlungstermin hatte sich geändert. Ein Zettel an der Tür und der Wachtmeister wiesen mich auf den anderen Saal hin, in dem heute verhandelt wurde.

Der Mandant kam etwa 20 Minuten zu spät im neuen Saal an. Er hat sich im Gebäude verlaufen.

Beruflich ist er als Veranstalter von Abenteuerreisen in Südamerika unterwegs.

9 Kommentare

Aus dem Lexikon

PläDoJemineeh – Schlußvortrag, mit dem der Mandant nicht einverstanden war.

2 Kommentare

Nicht hilfreich

Seine CDs so zu beschriften, ist nicht hilfreich. Für die Verteidigung jedenfalls nicht.

Gefunden beim twitternden doppelfish

7 Kommentare

Zuerst die schlechte Nachricht

Das juristische Halbwissen in den Haftanstalten ist enorm. Und für einen Verteidiger, der nur lockeren Kontakt zu seinen inhaftierten Mandanten hält, manchmal gefährlich. Nämlich z.B. dann, wenn der Häftling von einem anderen – erfahrenen! – Häftling verwundert gefragt wird, warum er denn noch immer nicht draußen sei, und das dann regelmäßig mit der Unfähigkeit des Verteidigers begründet wird.

Der Mandant wurde vor knapp 7 Monaten verhaftet. Und er sitzt seitdem in der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Die Hauptverhandlung hat noch immer nicht begonnen.

Ein kluger Mitgefangener hat den Mandanten auf die 6-Monats-Frist des § 121 StPO hingewiesen. Die sei bereits abgelaufen, das Kammergericht habe die Haftfortdauer nicht angeordnet, also müsse der Haftbefehl aufgehoben werden. Wenn der Verteidiger das nicht wisse und er nichts unternimmt, tauge er nichts. Der Mitgefangene hatte auch gleich die Visitenkarte des besten Verteidigers weit und breit parat …

Ich mußte den Mandanten enttäuschen. Das mit der Haftentlassung wegen Fristversäumnis wird nichts. Auch nicht, wenn der beste aller Verteidiger einen entsprechenden Antrag stellt.

Denn der Mandant hat während der 7 Monate eine Ersatzfreiheitsstrafe abgesessen, weil er eine alte Geldstrafe nicht bezahlt hatte. Dazu wurde die Untersuchungshaft für 90 Tage unterbrochen. Und um diese 3 Monate verlängert sich die 6-Monats-Frist.

Der Mandant gibt sich zerknirscht mit seinem Verteidiger zufrieden, der ihm heute aber persönlich die Nachricht überbringen konnte, daß es in zwei Wochen losgeht mit der Hauptverhandlung. Und daß er mit einer Strafaussetzung zur Bewährung rechnen darf – wegen der langen, ihn beeindruckenden Haftdauer. Der Deal zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und dem zweitbesten Verteidiger steht.

6 Kommentare

Tierisches Glück

Vor vier Jahren habe ich den Mandanten schon einmal verteidigt. Es hatte eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten gegeben, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Er war Tip-Geber bei einem ziemlich blöden Geschäft, für das die anderen jeweils über 5 Jahre bekommen hatten. Der Mandant hatte Glück …

Zwischenzeitlich wurde er beim Klauen erwischt. Während der Bewährungszeit. Trotzdem hat er noch eine Geldstrafe bekommen. Noch mehr Glück. Und das ganz ohne Verteidiger.

Dann kam er wieder zu mir, mit zwei weiteren Diebstählen im Gepäck. Orangensaft, Rasierklingen, Seife, Katzenfutter, Duplo … bei offener Bewährung. Das gab gesamt 8 Monate. Ohne Bewährung.

Und die Staatsanwaltschaft beantragte parallel, die Strafaussetzung in dem Altfall zu widerrufen.

8 plus 18, das war die Aufgabe, die wir in der Berufungsinstanz zu lösen hatten. Ziel war, die 8 Monate doch noch in die Bewährung zu bekommen. Der Mandant war vorbereitet: Job, feste Beziehung, keine neuen Straftaten … das könnte knapp noch klappen.

Und dann offenbarte die Staatsanwältin einen aktuellen Auszug aus dem Strafregister des Mandanten. Er ist nach dem Urteil wegen des Katzenfutters und des anderen Zeugs ein weiteres Mal verurteilt worden. Wegen Betruges. Zu 6 Monaten. Mit Bewährung. Ohne Verteidiger.

Das sind dann so Momente, in denen ich nicht sicher weiß, ob es gerechtfertigt sein könnte, den Mandanten zu erwürgen. Davon hat mir der Kerl nichts gesagt. Ich habe eine Unterbrechung beantragt, die der Mandant bis zu seinem 80. Geburtstag nicht mehr vergessen wird.

Never give up. Also weiter mit dem Programm, das wir vorbereitet hatten. Bis hin zum Schlußvortrag, mit Engelszungen. Er war doch kein Luxuszeug, was er da geklaut hatte. Hohes C und Katzenfutter. Und dafür nun über zwei Jahre in den Knast?

Geglaubt hatte ich es nicht, trotzdem: Es kam die Bewährung. Die dritte.

Erst beim Rausgehen wußte ich, woran es gelegen haben könnte, daß der Kerl so ein unverschämtes Glück hatte. Die Vorsitzende fragte den Mandanten mit milder Stimme und geneigtem Kopf:

Was für Katzen haben Sie denn?

6 Kommentare

Neues Mandat

Ein Mensch, den ich bereits zu meinen „Stammkunden“ zähle, beauftragt mich mit seiner Verteidigung:

Ich möchte Ihnen mitteilen, das ich habe liebste Post vom verfickten Staatsanwältchen erhalten habe…

41 JS 968/07 Staatsanwältin Wilhelmine Brause Durchwahl: 2013-1234

Dieser Idiot meint ich hätte mich der Hehlerei schuldig gemacht…WELCHER IDIOT der hinterfotzige hat die ausgebildet? Logisches Denken, Respekt und vor allem Freundlichkeit wie in anderen Ländern kennt diese Bajuffe wohl nicht?! Wieso Angeklagter? Wieso nicht ZEUGE?

Ich werde dem Schwachmaten vielleicht ein paar nette Zeilen schreiben die den Barbar wohl zum Nachdenken anregen. Ich soll mich bis zum 15.3.08 äussern.

Übersetzt heißt das: Ich habe Post von der Staatsanwaltschaft bekommen. Der darin enthaltene Vorwurf trifft nicht zu. Bitte kümmern Sie sich darum, bevor ich selbst an die Staatsanwältin schreibe.

Es ist mir eine helle Freude, dieses neue Mandat zu bearbeiten. Leid tun mir unsere Mitarbeiterinnen, die ihn ab und an am Telefon haben werden, weil die Strafverfolgerin sich noch nicht persönlich bei entschuldigt hat …

16 Kommentare

510/09

Der Mandant wurde am 20.02.2009 verhaftet und in die Untersuchungshaftanstalt Moabit eingeliefert. Dort (wie auch in anderen Knästen) wird ein Haftbuch geführt. Jeder Neuzugang erhält eine fortlaufende Nummer. Mein Mandant hat die Haftbuchnummer 510/09 bekommen

Er ist der 510. Häftling in diesem Jahr, also seit 37 Werktagen. Pro Tag sind damit knapp 14 Neue auf die 1.290 vorgesehenen Haftplätzen verteilt worden.

Der Mandant hat Glück im Unglück. Er wurde sofort in Haus III untergebracht – die Luxusabteilung in Moabit.

Die Teilanstalt 3 ist das der Kreuzung Alt-Moabit/Rathenower Straße zugewandte Backsteingebäude. Hier sind überwiegend Untersuchungsgefangene im Wohngruppenvollzug untergebracht. Es stehen 154 Haftplätze zur Verfügung, maximal bis zu 180 bei Notbelegung.

Die hier angebotene Form des gelockerten Vollzuges für Untersuchungsgefangene wird in Deutschland in nur sehr wenigen Haftanstalten praktiziert.

Die in den Wohngruppenbereichen der Teilanstalt 3 untergebrachten Gefangenen müssen bestimmte Voraussetzungen für die Aufnahme erfüllen: Sie dürfen nicht der organisierten Kriminalität zugerechnet sein, keine erkennbare Drogenproblematik, keine besonders hohe Straferwartung und keine Tatbeteiligten in den anderen Anstaltsbereichen haben.

Die Aufnahme in die Teilanstalt 3 ist freiwillig. Die Gefangenen müssen sich bereit erklären, eine zugewiesene Arbeit anzunehmen und die Gemeinschaftsunterbringung (teilweise Dreifachbelegung) zu akzeptieren; die Verlegung in Einzelhafträume erfolgt über eine Warteliste.

In der Teilanstalt 3 sind die Hafträume außerhalb der Arbeitszeiten geöffnet und werden erst abends verschlossen. Es kann täglich geduscht werden und jeder Gefangene hat ein verschließbares Kühlschrankfach.

Und er hat sofort einen Job als Hausarbeiter bekommen. Ein großes Privileg. Er weiß es zu schätzen. Beim letzten Mal war er 7 Monate im Haus 2 untergebracht. 23 Stunden auf der Zelle, 1 Stunde Hofgang.

Ich drücke ihm die Daumen, daß sein Glück anhält …

5 Kommentare

Charmeur

Der Mandant hatte sich verspätet. Deswegen konnte ich ihn nicht warnen, daß heute nicht sein Lieblingsrichter K. über ihn richtet. Die Wartezeit nutzend habe ich das gewünschte Ergebnis der Bußgeldsache mit der Richterin vorerörtert, als der Mandant durch die Tür guckte. Ich habe ihn herein gewunken. Völlig entsetzt stellte er sich neben mich vor den Richtertisch:

Siiiiiiiie sind Richterin? Das glaube ich nicht!! Da sind Sie doch viel zu jung zu! Ich glaub’s echt nicht! …

Ich konnte den Mandanten nur schwer daran hindern, weiter zu sprechen. Aber irgendwo hatte er ja Recht. Er, der über 50-jährige gestandene und sympathische Unternehmer, und dort die knapp volljährige (viel älter sah sie wirklich nicht aus) blonde Vertreterin des Volkes.

Das sah die Richterin – nach nur kurzem Erschrecken – genauso. Mit einem Lächeln flötete sie zurück:

Jaha.

Nach Verkündung des Urteils (Verzicht auf das Fahrverbot :-) ) ging der Mandant wieder nach vorn und schob der Richterin seine Karte hin:

Rufen Sie mal an … ich würde mich freuen.

Ich habe den Kerl dann aus dem Saal gejagt. ;-)

3 Kommentare

Alles klar

Ich habe eine eMail eines (heranwachsenden) Mandanten bekommen. Er entschuldigt sich dafür, mir noch keine Postkarte aus seiner Heimatstadt geschickt zu haben (das war die vereinbarte Honorierung meiner Verteidigertätigkeit). Dann hat er die Ladung zum Haftantritt bekommen, er möchte, daß ich einem Georg B. Auskunft über das Verfahren gebe und entbindet mich insoweit von meiner Schweigepflicht. Das Ganze hört sich so an:

guttentag herr Hoenig entschuldigung fur die post kart die brief must come I have some problem ich bin mall this week I have make a vollmacht and I want to sent tot you one online one must come by post Herrn Georg B. ist mein vater freund ist keine problem . In diese brief ist die vollmacht sorry my deutch is not very good I hope you understand .this is my email adress but I don`t understand why I must come zuruck Berlin ? cand I make revision or convince the gericht i`m ok Ich habe arbeit ales clar by me . danke schon

Irgendwie sympathisch, das Kerlchen. :-)

7 Kommentare

Ganz geschickt gefragt

Die Kriminaloberkommissarin vernimmt den Verdächtigen:

Frage:
Sie können sich immer noch nicht daran erinnern, am Straßenraub beteiligt gewesen zu sein?

Antwort:
Nein.

Frage:
Wollen sie sonst noch Angaben machen?

Antwort:
Nein.

vernehmungsende

Manchmal ist man aber auch sowas von vergeßlich …

6 Kommentare