Heinrich Heine, Ratten, Flüchtlinge, Til Biermann und andere Missverständnisse

Es gibt Journalisten in Berlin. Und es gibt Ratten.

Über letztere berichtet (am 5. Mai 2018 11:57, aktualisiert am 01.07.2018) Til Biermann in der „BILD“.

Thema des Artikels ist eine behauptete Rattenplage. Biermann stellt die aktuelle Situation dar und gibt Tips, wie man mit den Nagern umgehen sollte.

Und er recherchiert die Ursachen für das angebliche Überhandnehmen der Ratten in der Stadt.

Irgendwann und mittendrin und anlaßlos in dem für die „BILD“ überdurchschnittlich langen Artikel heißt es dann in einer fetten Überschrift:

Flüchtlinge werden verantwortlich gemacht.*

Scrollt man vier, fünf Bildschirme nach unten, findet man den folgenden …

… *Hinweis: In einer vorherigen Version dieses Artikels war ein Gedicht enthalten, das fremdenfeindlich interpretiert werden konnte. Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir uns entschieden, dieses aus dem Artikel zu entfernen.

Da haben sich wohl schon andere Leser beschwert.

Den Originaltext findet man aber noch – unter der Überschrift „Heinrich Heine und die Berliner Ratten„:

So schreibt Biermann, der Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“, der öfters über Sonderlinge schreibt, wie es bei den Salonkolumnisten heißt, wo er seinen rassistischen Müll ebenfalls verklappt (hat). Er läßt das unkommentiert dort stehen, was selbst dem Boulevard zu heavy ist.

Als „Ratten und Schmeißfliegen“ …

… beliebte bekanntlich der besonders in Bayern beliebte ehemalige SS-Propagandaoffizier, CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Strauß seine politischen Gegner zu bezeichnen. …

… hielt „kulinux“ am 6.1.2016 auf Heise Online fest.

Nachdem sich seinerzeit auch Stoiber in solcherlei Widerwärtigkeit verstiegen hat, gab es zu Recht einen Sturm der Entrüstung all derjenigen, die noch über einen Funken Anstand verfügten.

Ratten und Schmeißfliegen stammen aus dem Wörterbuch des Unmenschen, faschistische Vokabeln, für die es keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung, keine Absolution geben kann.

zitiert der Spiegel die Süddeutsche am 25.02.1980.

Und jetzt kommt dieser Til Biermann wieder mit diesem ekelhaften Vergleich um die Ecke, wenngleich nicht auf die bayerische Art, sondern subtil und feinsinnig, nichts desto trotz genau so abstoßend.

#RassistischeKackScheiße, made by Til Biermann.

Update 19:07:32

Vielleicht habe ich zu schnell geschossen. Til Biermann hat den Blogbeitrag gelesen und meine Perspektive nachvollzogen. Seine Absicht war eine andere, nämlich diese:

„Die Flüchtlinge schmeißen ihre Essensreste in die Büsche, seitdem gibt es immer mehr Ratten“, sagt ein deutscher Rentner und seine Frau nickt. Auch ein in der ehemaligen Sowjetunion geborener Aussiedler, der selbst in Deutschland aufgenommen wurde, macht geflüchtete Menschen für das Problem verantwortlich.

Es ist wie in Heinrich Heines (1797 – 1856) Gedicht „Die Wanderratten“: „Die Wanderratten, o wehe! / Sie sind schon in der Nähe / Sie rücken heran, ich höre schon Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion / O wehe! wir sind verloren / Sie sind schon vor den Toren! Der Bürgermeister und Senat, Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat“.

Heines Gedicht war ein Gleichnis für arme Leute, die in reichere Länder ziehen und den alteingesessenen Bürgern, die in dem Gedicht als „satte Ratten“ bezeichnet werden, Angst machen. Am Anfang heißt es: „Es gibt zwei Sorten Ratten: / Die hungrigen und satten / Die satten bleiben vergnügt zu Haus, / Die hungrigen aber wandern aus.“

Und auch in diesem Sinne ist das Gedicht in Reinickendorf aktuell. Denn schon oft in der Menschheitsgeschichte wurden Minderheiten auf menschenverachtende Weise für den Ausbruch von Plagen und Besitzverlust verantwortlich gemacht. Heine, selbst der jüdischen Minderheit entstammend, wollte dagegen anschreiben: „Die Bürgerschaft greift zu den Waffen / Die Glocken läuten die Pfaffen / Gefährdet ist das Palladium / Des sittlichen Staats, das Eigentum.“

Ich bedanke mich bei Til Biermann für die Klarstellung und bitte um Nachsicht, daß ich auf den Originaltext so empfindlich reagiert habe.

Für einen Autor ist es nicht einfach, die Gedanken und Interpretationen seiner Leser vorherzusehen. Manchmal geht es eben daneben, wenn es uns nicht gelingt, die hinter dem Text stehenden eigenen Gedanken deutlich an den Mann und die Frau zu bringen.

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Bild: © Screenshot vom Twitter-Account des Til Biermann

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13 Antworten auf Heinrich Heine, Ratten, Flüchtlinge, Til Biermann und andere Missverständnisse

  1. 1
    Arnooo says:

    Meine Hochachtung!

    Einer der wenigen Blogschreiber, wo man mal die seltene Gelegenheit hat, festzustellen, daß noch Anstand vorhanden ist!

    Jemand, der seine eigene, vormals nunja, ziemlich kritische Sichtweise korrigiert, weil ihm der ursprünglich kritisierte Autor seine Intention erklärt. Sowas erlebt man heutzutage selten!

    Ich lese nur noch sehr wenige Blogs, jetzt weiß ich, warum ich diesem treu geblieben bin!

  2. 2
    Arnooo says:

    …wobei das verständlich ist, ich glaube nicht, das Heinrich Heine in der heutigen Zeit noch „einfach so aus dem Ärmel“ „einfach“ zu verstehen ist. Dies ist halt die Zeit der Gronkhs und Bibis, nicht die der Heines…

  3. 3
    Hardy says:

    Auch ich zolle CRH Respekt für diese sehr anständige Richtigstellung (Entschuldigung?) für seine doch sehr scharfen Worte im ersten Teil des Blogbreitrags. Noch einen Tick schöner wäre es gewesen, wenn es gleich zu Beginn des Blogbeitrags einen Hinweis auf die Richtigstellung gäbe basierend auf dern These, dass es mit Blogbeiträgen ist wie mit Zeitungsartikeln: Nicht jeder liest jeden Artikel bis zum Ende durch, so dass evtl nicht jeder das „Update“ zur Kenntnis nimmt.

    Bzgl. Til Biermann möchte ich anmerken: Ich kann seine Intension nachvollziehen, aber er sollte sich wirklich fragen, ob er den durchschnittlichen BILD-Leser damit nicht ein wenig intellektuell überfordert. Erst in Fettschrift eine Hetz-These raushauen („Flüchtlingen werden verantwortlich gemacht“), und dann irgendwo relativ versteckt im Fliestext auf deren menschenverachtenden Charakter hinweisen – das ist vielleicht gut gemeint, aber m..E. echt nicht gut gemacht.

  4. 4
    Fry says:

    Überhaupt für BILD zu schreiben ist schon unverzeihlich.

  5. 5
    alter Jakob says:

    Den Hinweis, dass die Erläuterung im Fließtext eher beiläufig untergebracht ist sowie Frys Anerkung finde ich sehr wichtig und richtig. In diesem Zusammenhang noch ein Zitat von Max Goldt:

    „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

  6. 6
    M. says:

    Ich arbeite unter anderem auch für Blätter der BILD-Gruppe und durfte schon erleben, dass die Schlussredaktion Artikel dort gekürzt hat, wo es dem Verständnis dient und mit reißerischen Teasern versehen hat.

    Da es in meinem Fall „nur“ um Computerthemen (meist aus dem Sicherheitsbereich) geht, die danach eben „angstmachender“ waren, konnte ich das bislang mit Schmunzeln abtun. Wenn es bei politischen Artikeln passiert, ist es zum Haare raufen.

  7. 7
    Viva la Mexiko! says:

    @ crh
    Könnte es sein, dass Sie vielleicht öfter mal Dinge die andere schreiben, irgendwie falsch verstehen und gelegentlich überreagieren.?

    • Ja. Warum? Ist das verboten? crh
  8. 8
    Arnooo says:

    @Hardy, #3:
    Es ist _nicht_ Aufgabe eines Presseorgans, egal wie niederträchtig, intellektuell, dumm oder sonswie es in der Regel agiert/schreibt, seine Texte an die vermutete Intelligenz seiner Leser anzupassen.

    Es ist, wie es ist: Zeitung lesen macht dumme Leute dümmer und schlaue Leute schlauer.

  9. 9
    pickel says:

    @Arnooo; „Zeitung lesen macht dumme Leute dümmer“ so ein blödsinn. und natürlich machen sich verantwortungsvolle journalisten gedanken drüber wie ihre artikel vom leser verstanden werden…

  10. 10
    ZeitGenosse says:

    @Viva la Mexiko!
    Wie kennen sie etwa wen, der das nie tut?

    • Das Komma habe ich ergänzt, nachdem ich den Satz dreimal gelesen habe, ohne ihm einen Sinn zu entnehmen. Üben Sie bitte die Zeichensetzung! crh
  11. 11
    Viva la Mexiko says:

    @ Chr
    Ja, das ist verboten -: ). Das steht so in der ÜberreagierensVerbotsVerordnung für Rechtsanwälte, Seite 12.
    @ Zeitgenosse
    Ja, KENN ICH. Mich

  12. 12
    Arnooo says:

    @CRH: Nach dem „Wie“ in #10 noch ein Komma, und der Satz wird verständlich! :-D

  13. 13
    Raddi says:

    @Arnooo
    Ich würde eher für ein „?“ nach dem „Wie“ und Neuanfang des nächsten Satzes plädieren…
    ;-)