Alle müssen raus. Oder?

731049_web_r_by_birgith_pixelio-deIch denke mal laut:

Von denjenigen, die für ein paar Jahre in den Knast mußten, kommen die wenigsten als bessere Menschen wieder raus.

Je länger jemand im Knast sitzen muß, desto größer ist die Aussicht darauf, daß er nach seiner Entlassung weitere Straftaten begeht.

Über 90 % aller Gefängnis-Insassen werden irgendwann entlassen.

Wenn eine Gefängnisstrafe zu mehr Straftaten führt, je länger sie dauert, wäre es doch eine schlaue Idee, die Kriminalitätsraten dadurch zu senken, daß man alle Gefangenen sofort entläßt.

Aber vielleicht nimmt ja niemand das Ziel des Strafvollzugs ernst. Die Leute werden erst de-sozialisiert, um sie anschließend re-sozialisiern zu wollen. Das funktioniert aber nicht. Also warum ändert man nichts daran?

Ist Freiheitsentzug also doch noch das, was er schon von 1.000 Jahre war: Rache?

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Bild: © birgitH / pixelio.de

Dieser Beitrag wurde unter Knast, Philosophisches, Strafrecht veröffentlicht.

20 Antworten auf Alle müssen raus. Oder?

  1. 1
    Berliner says:

    Sühne? Vergeltung? Generalprävention? Spezialprävention?

    „Demgemäß hat das Bundesverfassungsgericht in seiner Rechtsprechung nicht nur den Schuldgrundsatz betont, sondern auch die anderen Strafzwecke anerkannt. Es hat als allgemeine Aufgabe des Strafrechts bezeichnet, die elementaren Werte des Gemeinschaftslebens zu schützen. Schuldausgleich, Prävention Resozialisierung des Täters, Sühne und Vergeltung für begangenes Unrecht werden als Aspekte einer angemessenen Strafsanktion bezeichnet.“

  2. 2
    Geier says:

    Aus einer Korrelation auf Kausalzusammenhänge zu schließen ist gefährlich. Natürlich sind diejenigen mit den längsten Haftstrafen nach der Entlassung am kriminellsten, denn je krimineller sie von vornherein waren, desto längere Strafen haben sie schließlich auch bekommen (zumindest im Mittel).

  3. 3
    Techniker says:

    In meinen Augen erfüllt der Strafvollzug auch den Zweck, Straftäter von der Begehung weiterer Straftaten abzuhalten (wenigstens ausserhalb der JVA). Ob es jetzt sinnvoll ist, gewaltfreie Straftaten (Betrug, einfacher Diebstahl, Schwarzfahrer, etc) mit Haft zu ahnden und damit ein weiteres Abdriften hin zu schweren Straftaten zu riskieren, mag ich nicht beurateilen.
    Mir ist es aber lieber, ein sog. Intensivtäter sitz, wenn auch nur ein paar Monate bis wenige Jahre, in der JVA, als dass er draussen sich ungehindert durchs StGB durchprobiert.

  4. 4
    hfhfhfhfjfkfkf says:

    Andererseits haben diese Menschen durch das Verhalten, das zur Haftstrafe geführt hat, gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, in sozialer Art und Weise an der Gesellschaft teilzunehmen.
    Ob dann eine Art „begleitetes Leben“ vielleicht besser ist als die Haftstrafe, vermag ich nicht zu beurteilen.

  5. 5
    slowtiger says:

    Es ist das, was es ist, mangels jeder besseren Idee. Mir ist das ganze Konzept Haftstrafe inzwischen suspekt, auch weil ich zahlungsunfähige Schwarzfahrer neben zB Hoeneß sehe.

    Was ich noch verstehe, ist Haftstrafe als Abklingbecken: Menschen davon abhalten, in ihrem derzeitigen Geisteszustand/Sozialzusammenhang weiteren Schaden anzurichten.

  6. 6
    Der wahre T1000 says:

    Wenn jeder machen könnte, was er will, dann hätten wir Anarchie. Mancher mag das begrüßen, aber ich lebe lieber in einem Land, in dem man ohne große Angst auf die Straße gehen und im Supermarkt einkaufen kann.

    Das Gegenteil von Anarchie sind Regeln für Alle. Wenn es Regeln gibt, dann müssen diese auch durchgesetzt werden, ansonsten ist man wieder bei Anarchie.

    Wie soll man Regeln durchsetzen? Das geht leider nur bedingt durch Anreize und gute Erziehung (die eh nur in einem Teil der Bevölkerung erfolgt), eher durch Repression, vulgo Strafen. Also vom bockigen Liebesentzug über Knöllchen bis hin zu Haft. Mit – je nach Situation – verschiedenen Eskalationsstufen.

    Wenn sich jemand über besonders wichtige Regeln rücksichtslos hinweg setzt, dann muss er besonders streng „erzogen“ werden. Zumindest jedoch haben die Mitbürger den Anspruch vor solchen künftigen Regelverstößen geschützt zu werden.

    Kurz: Strafe dient 1. der Abschreckung und durch 2. Wegsperren dem Schutz vor weiteren Straftaten. Auch wenn das nicht optimal ist, so erkenne ich leider keine wirkliche Alternative. Zumindest dann nicht, wenn Diebe ihre Hände und Mörder ihr Leben behalten sollen.

  7. 7
    Airfix says:

    Tja…
    Michal Moore „Where to invade next“.
    Der Teil über den norwegischen Strafvollzug und die Einstellung von Norwegern zur Strafe.
    Geht halt auch anderes als in Deutschland.
    Oh, in Portugal ist der Konsum von Drogen straffrei und das Land ist noch nicht in Anarchie versunken!

  8. 8
    Simon says:

    interessanter Gedankengang…
    Aber mal vom rechtlichen abgesehen und emotional gesprochen: Ich denke schon, dass die Haft zum Großteil der Resozialisierung nicht gerade beiträgt, denke aber trotzdem,dass auch ein gewisser Anteil „Strafe“ (man mag es auch eine Art Rache nennen) drin sein sollte. Und damit meine ich nicht, dass Strafgefangenen Ausbildung, Bildung oder sonstige Resozalisierungsmaßnahmen verwehrt werden sollte, aber ein Freiheitsentzug finde ich bei einem gewissen Bereich von Straftaten schon angemessen. Dies erfüllt einerseits den Auftrag, klare und einschneidende Konsequenzen für gewisse Handlungen zu zeigen. Andererseits schützt es die übrige Gesellschaft vor weiteren Straftaten dieser Person (was zugegeben nicht bei jeder Person eine Gefahr darstellt).

  9. 9
    JK says:

    Na klar ist es auch ein wenig „Rache“. Diese Art der Genugtuung steht auch jedem Opfer einer entsprechenden schweren Straftat zu.

    Im Vergleich zu Hand abhacken oder Augen ausbrennen ist das noch ein milderes Mittel.

  10. 10
    Sinn & Unsinn says:

    Nun sein se mal nich so, Herr Hoenig.

  11. 11
    CobraCommander says:

    Dreht man die Logik konsequent um, wäre man bei: Rübe ab. Denn was will man machen?
    Kommt derjenige, der einen verletzt oder beklaut hat, regelmäßig 5 Minuten später wieder grinsend um`s Eck und macht weiter, müsste man den Opfern andere Abwehrmaßnahmen zubilligen.

  12. 12
    Mirco says:

    Mit der Logik kommen Sie nicht weiter. Zu naheliegend ist die schlaue Idee die Kriminalitätsrate dadurch zu senken Straftäter (und seien es potentielle) noch länger wegzusperren. Dabei braucht man auch nicht auf den gewünschten Effekt der Abschreckung zurückzugreifen, der den ein oder anderen potentiellen Straftäter davon abhält straffällig zu werden.

    Der Ansatzpunkt ist dann doch eher der Mensch. Wie schafft man Re-sozialisierung ohne De-sozialisierung?

  13. 13
    Engywuck says:

    @Airfix: der *Konsum* von Drogen ist meines Wissens auch hierzulande (jedenfalls für Erwachsene) legal: man darf sich ja selber schädigen. Was verboten ist ist Besitz und Weitergabe. Oder wie es mal jemand ausdrückte: wenn man in geselliger Runde einen Joint gereicht bekommt – sofort aufrauchen. Dann besitzt man ihn nicht mehr und weitergegeben hat man ihn auch nicht :-)

    @CobraCommander: Das war auch mein Gedanke: wenn Entlassung aus dem Gefängnis nur mehr Delikte bringt aber Strafe sein soll/muss (schon um bei Serientätern weitere Straftaten zu verhindern) – dann müsste man eigentlich immer gleich mindestens „echtes“ Lebenslänglich fordern.

    Alternativ bräuchte man eine extrem umfangreiche Resozialisierung, aber was macht man mit Personen, die trotz perfekter psychologischer Betreuung, „Ausbildung im Knast“ etc. am Ende der eigentlichen Strafe weiter eine erhebliche Rückfallgefahr haben? Sicherungsverwahrung? Und: würde das im Extremfall nicht auf Gehirnwäsche hinauslaufen?

  14. 14
    Denny Crane says:

    Vielleicht war die frühere Unterscheidung zwischen Zuchthaus, Festunghaft, Gefängnis und Haft im Grundsatz war nicht so unschlau. D.h.: differenzierter Strafvollzug nach Persönlichkeit und Art der Tat, durchaus auch kurzzeitige Freiheitsstrafen als „Warnschuß“.

    Ich meine, daß das grundsätzliche „Verbot“ kurzzeitiger Freiheitsstrafen im StGB nicht hilfreich ist. Manche sammeln eine Vielzahl von Verurteilungen wegen kleiner Delikte (Kaufhausdiebstahl, ebay-Betrug) an, ohne je Konsequenzen zu spüren. Wenn dann irgendwann „das Maß voll ist“, muß eine Mutter mit drei kleinen Kindern gleich für 12 Monate einfahren und ist total schockiert. Dann wird Gnadengesuch um Gnadengesuch eingereicht. Vielleicht würden manchen eher ein Licht auf gehen, wenn sie mal 3-4 Tage in einer Zelle sitzen müßten.

    • Gibt’s im Jugendstrafrecht: Warnschuß-Arrest. Funktioniert nicht! Auch hier: Im Gegenteil. crh
  15. 15
    Fry says:

    Haftstrafen dienen _auch_ der Abschreckung.

    Wohin es führt, wenn Menschen ohne Furcht vor Folgen einfach tun was sie wollen, sieht man immer wieder. Bei Soldaten im Krieg, bei den Geheimdiensten, in manchen Polizeistationen, oder auch in Katastrophengebieten.

    • Wenn „Abschreckung“ funktionieren würde, wären Gefängnisse längst überflüssig. crh
  16. 16
    Der wahre T1000 says:

    @crh:

    „Wenn „Abschreckung“ funktionieren würde, wären Gefängnisse längst überflüssig. crh“

    Die Tatsache, dass „Abschreckung“ bei MANCHEN Menschen oder in MANCHEN Situationen nicht wirkt, bedeutet nicht, dass sie generell unwirksam ist.

    Warum parkt man nicht hemmungslos falsch? Weil man kein Knöllchen bekommen möchte! Im Regelfall hält man sich also an Parkverbote, auch wenn man man das (mögliche) Knöllchen gelegentlich dann doch hin nimmt.

    Und so liegt es auch bei Straftaten und der dazugehörigen Strafandrohung. Im Regelfall wirkt die Abschreckung. Zumindest bei den meisten Menschen. Nur bei den Ausnahmen von der Regel nicht.

  17. 17
    jansalterego says:

    Der wahre T1000:

    Wenn das nur bei manchen Menschen so wäre, könnte man Ihnen ggf. zustimmen.

    Da aber kriminologisch längst belegt ist, dass weder die abstrakte verhältnismäßige Strafandrohung abstrakt-generell noch der konkrete Vollzug einer verhältnismäßigen Haftstrafe konkret-individuell abschreckend wirkt, ist das ein bloßes Gedankenspiel.

    Normtreue hat idR nichts mit der zu erwartenden Sanktion bei Normabweichung zu tun. Ein Straftäter denkt bei Begehung einer Straftat – auch das ist empirisch belegt – nicht an den Strafrahmen (so dieser ihm überhaupt bekannt ist), sondern allenfalls an die Entdeckungswahrscheinlichkeit (und auch das bei Affekthandlungen eher nicht).

    Dazu gibt es in jeder gutsortierten Unibib regalmeterweise Literatur (in case you want to know more).

  18. 18
    Der wahre T1000 says:

    @jansalterego:

    Sie wollen also wirklich sagen, dass sich die Kriminalitätsrate nicht ändert, wenn zwar die Verbote bleiben, diese jedoch nicht mehr sanktioniert werden (kurz: Strafen abgeschafft werden)? Genau das ist es nämlich, was Sie behaupten.

    Das erscheint mir unglaubwürdig. Ich jedenfalls wüsste genau, was ich gern mal machen würde, wenn darauf nicht eine wirklich lange Haftstrafe stünde.

    Mich jedenfalls hält allein die Drohung von Strafe davon ab so einiges zu machen, was ich aus persönlicher Sicht richtig und gut finden würde. Es fehlt mir ein wenig an Vorstellungskraft, dass das bei Anderen anders sein soll.

    Mir scheint die „Klugwisser“, die sich in vielen Büchern verewigt haben, kennen den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht.

    • Ich freue mich, in Ihnen endlich jemanden gefunden zu haben, der diesen „Klugwissern“ in den Universitätbibliotheken endlich einmal sagt, wie es wirklich ist. crh
  19. 19
    Der wahre T1000 says:

    Schön, crh, dass Sie mich „gefunden“ haben. :-)

    Ich weiß nur nicht ganz, ob Ihre Anmerkung ehrlich gemeint war oder sarkastisch. Ich tendiere zu Zweiterem, würde mich allerdings gern täuschen.

    Jedenfalls war meine Sehnsucht, mich entgegen aller strafrechtlichen Drohungen mal ausleben zu können, durchaus ernst gemeint. Auch wenn ich es nicht machen werde.

  20. 20
    MaxPower says:

    @jansalterego:
    „Da aber kriminologisch längst belegt ist, dass weder die abstrakte verhältnismäßige Strafandrohung abstrakt-generell noch der konkrete Vollzug einer verhältnismäßigen Haftstrafe konkret-individuell abschreckend wirkt, ist das ein bloßes Gedankenspiel.“

    Da muss man nicht einmal in eine Statistik schauen, um zu wissen, dass das nicht funktioniert.

    Wenn ein Dieb in dem Fall, dass er erwischt wird nur eine Verhältnismäßige Strafe erhält lannn es sich immer noch lohnen zu stehlen. Schließlich berücksichtigt eine „verhältnismäßige“ Strafe nicht die Fälle in der der Verbrecher nicht erwischt wurde.
    Werden diese Fälle nicht mit berücksichtigt, so kann es passieren, dass es sich im Mittel lohnt, zu stehlen.

    In Ländern wie Saudi Arabien, mit stark unverhältnismäßigen Bestrfungen, gibt es so gut wie keine Kriminalität.
    Hand ab bei Ladendiebstahl lohnt sich halt auch dann nicht, wenn man nur in einem von 10000 Fällen erwischt wird.

    Ob das ganze jetzt ethisch so das tollste ist und ob man sich aufgrund der Gefahr von Fehlurteilen ein derartiges Rechtssystem wünschen sollte ist allerdings fraglich.
    Ich bin eigentlich ganz froh, dass unser Rechtssystem nicht ganz so hart ist, auch wenn es sicherlich Probleme hat.

    Mir ist im Übrigen klar, dass selbst die schlimmsten Strafen nicht alle Straftaten verhindern können. In manchen Situationen denken Menschen nicht an die Konsequenzen einer Handlung oder sind sich sicher, sie umgehen zu können.